
Bevor wir mit der Lupe ins Textgebüsch kriechen: Nein, es gibt kein absolut sicheres Rezept, mit dem sich KI-Texte erkennen lassen. Es gibt jedoch Texte, bei denen ich nach drei Sätzen innerlich den Rotstift sinken lasse, tief durchatme und denke: Das hat kein Mensch geschrieben. Das wurde ungeprüft und unbearbeitet übernommen. Und ja, diese Faulheit nervt mich mittlerweile gewaltig!
Warum 1:1 übernommene KI-Texte mein Texterherz beleidigen
Mittlerweile nutzt gefühlt jeder ChatGPT, Claude, Gemini und Co. zum Texten. KI ist ja auch ein tolles Werkzeug! Aber sie sollte nicht die Autorin spielen, während der Mensch nur noch kopiert und dann stolz das Ergebnis veröffentlicht. Ich selbst nutze Künstliche Intelligenz ausgesprochen gern. Mein Problem ist ein anderes: Immer häufiger landen Texte auf meinem Tisch, die 1:1 aus der KI übernommen wurden. Ohne Persönlichkeit, ohne eigene Gedanken. Ein Text ist aber nicht automatisch gut, nur weil er grammatikalisch korrekt ist. Ein Text ist gut, wenn er etwas auslöst: Vertrauen, Erkenntnis, ein Lächeln, Zustimmung, Widerspruch oder Kaufinteresse.
KI-Rohtexte lösen oft vor allem eines aus: höfliches Weiterklicken (oder in meinem Fall ein Augenrollen). Das wird für Unternehmen, Selbstständige und Marken zu einem immer größeren Problem. Wenn alle dieselben glattgebügelten KI-Sätze veröffentlichen, klingt am Ende niemand mehr nach sich selbst. Dann steht überall: „Wir bieten individuelle Lösungen für Ihre Bedürfnisse.“ Aber nirgendwo steht: „Wir sagen Ihnen ehrlich, wenn eine Lösung für Sie zu teuer, zu groß oder schlicht unnötig ist.“ Und mal ehrlich, welcher Satz schafft mehr Vertrauen?
KI-Texte erkennen – 9 typische Muster
Als Lektorin erkenne ich mittlerweile schnell Muster. Häufen sich diese, wird aus einem leisen Verdacht ein kühnes „Aha“.
Einige dieser Muster verrate ich Ihnen jetzt.
1. Der Rhythmus klingt wie lauwarmes Leitungswasser
Menschen variieren. Ihre Sätze sind mal kurz, mal länger. Mal sind sie trocken, mal emotional, mal sachlich. Manchmal stellen sie eine Frage. Manchmal sagen sie einen Satz, der nur aus drei Wörtern besteht. KI bleibt dagegen häufig in einer Tonlage: freundlich, professionell, neutral. Die sprachliche Version von Zimmerpflanze ohne Wasser.
Achten Sie deshalb auf den Rhythmus! Verdächtig wird es, wenn jeder Absatz ähnlich klingt, jeder Gedanke gleich sauber verpackt ist und der Text keine echten Ausschläge hat.
Typische Muster sind zum Beispiel:
- theatralisches Staccato aus abgehackten Mini-Sätzen
- auffällig viele Dreiklänge wie „klar, strukturiert und verständlich“
- häufige Gegensatzpaare wie „nicht nur …, sondern auch …“
- sehr gleichmäßige Satzlängen
- viele Sätze mit ähnlichem Aufbau
- übertrieben viele Gedankenstriche, die wirken, als hätte jemand „mehr Dynamik“ bestellt
Das heißt nicht, dass jeder Gedankenstrich nach KI riecht. Auch ich liebe Gedankenstriche – allerdings an den richtigen Stellen! In den meisten Fällen steht vor „sondern“ schlicht ein Komma. Wenn dort ständig ein Gedankenstrich herumfuchtelt, werde ich als Lektorin nervös.
2. Die Sprache ist glattgebügelt
KI-Texte sind oft sprachlich korrekt – und genau das macht sie so tückisch. Alles klingt rund und hochprofessionell, aber manchmal eben auch wie ein frisch gebügeltes Hemd, in dem kein Mensch steckt.
Ein typischer KI-Satz lautet beispielsweise: „In der heutigen digitalen Welt ist es wichtiger denn je, hochwertige Inhalte zu erstellen, die sowohl informativ als auch ansprechend sind.“ Der Satz ist nicht falsch. Er ist nur völlig austauschbar. Er könnte in einem Marketing-Blog, in einer Imagebroschüre für Steuerberater oder auf der Website eines Unternehmens stehen, das „innovative Lösungen mit Mehrwert“ anbietet. Man liest ihn, nickt kurz und hat ihn drei Sekunden später wieder vergessen.
Genau das ist sprachliche Glätte: Der Text macht nichts kaputt, aber er baut auch nichts auf. Er hat keine eigene Stimme, keine Reibung, keine kleine Unverschämtheit, keinen Gedanken, an dem man hängen bleibt.
Ein menschlicher Text klingt anders: „Gute Texte müssen heute mehr leisten als nett aussehen. Sie müssen festhalten, was sonst nach drei Sekunden im nächsten Tab verschwindet.“ Das ist nicht automatisch literarisch brillant, aber es zeigt Haltung.
Besonders verdächtig wird es bei Formulierungen, die mittlerweile so häufig in KI-Texten auftauchen, dass mein innerer Lektorats-Uhu jedes Mal nervös mit den Federn raschelt. Beispiele sind:
- „In der heutigen schnelllebigen Welt …“
- „Es ist wichtiger denn je …“
- „… spielt eine entscheidende Rolle“
- „… bietet zahlreiche Vorteile“
- „… ist von großer Bedeutung“
- „Zusammenfassend lässt sich sagen …“
- „Dieser Artikel beleuchtet …“
- „Tauchen wir ein in die Welt von …“
Selbstverständlich können auch Menschen solche Formulierungen verwenden. Eine einzelne Floskel ist schließlich noch kein Beweis. Wenn danach jedoch nur Allgemeinplätze folgen, stammt der Text vermutlich aus der Textbausteinküche einer KI.
3. Der Text sagt viel, meint aber wenig
Eines der stärksten Warnsignale ist, wenn der Text zwar Volumen, aber keine Substanz produziert. KI kann wunderbar Absätze füllen, lang und breit erklären, warum etwas wichtig, relevant, hilfreich, entscheidend oder von großer Bedeutung ist. Bei genauerer Betrachtung bleibt jedoch manchmal erschreckend wenig übrig.
Ein Beispiel: „Eine erfolgreiche Content-Strategie basiert auf einer klaren Zielsetzung, einer genauen Analyse der Zielgruppe und der kontinuierlichen Optimierung relevanter Inhalte.“ Das klingt professionell. Aber was wissen wir danach konkret? Fast nichts. Welche Zielsetzung? Welche Zielgruppe? Welche Inhalte? Welche Fehler? Welche Methode? Welches Beispiel?
KI-Texte bleiben oft auf einer Flughöhe, während menschliche Texte näher am Alltag sind. Wenn Sie einen Blog für Steuerberater schreiben, brauchen Sie keine „spannenden Inhalte“. Sie benötigen Antworten auf Fragen, die Mandanten tatsächlich googeln, wie beispielsweise „Was tun, wenn der Bewirtungsbeleg vergessen wurde?“ oder „Kann ich mein Arbeitszimmer absetzen?“
Genau hier beginnt das nächste Problem:
4. Es fehlen echte Beispiele
Ein klares Warnsignal: Der Text erklärt zwar etwas, zeigt es aber nicht. KI schreibt beispielsweise: „Gute Kommunikation ist entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens.“ Aha. Und Wasser ist feucht, wenn es nicht gerade als Eis Karriere macht. Was fehlt? Ein Beispiel. Typische Kundensituation, ein häufiger Fehler, eine echte Zahl, ein nachvollziehbarer Ablauf oder ein Satz, den jemand wirklich gesagt haben könnte.
Selbst ein Handwerksbetrieb, der auf seiner Website nur „Wir stehen für Qualität und Zuverlässigkeit“ schreibt, bleibt blass.
Stärker wäre: „Wir schicken Ihnen vor Beginn der Arbeiten eine Fotodokumentation des Untergrunds, damit Sie später genau sehen können, was gemacht wurde.“ So wird aus behaupteter Zuverlässigkeit belegte Zuverlässigkeit.
Gute Autorinnen und Autoren denken in Szenen, Situationen, Kundenfragen, Einwänden und konkreten Beobachtungen.
5. Der Text hat keine Kante
KI ist überaus höflich. Sie möchte niemandem wehtun, nichts riskieren und erst recht keine klare Kante zeigen. Deshalb lesen sich viele KI-Texte wie ein sehr bemüht formulierter Elternabendbeitrag: „Einerseits bietet diese Entwicklung zahlreiche Chancen, andererseits bringt sie auch Herausforderungen mit sich.“ Das ist natürlich richtig. Fast alles hat Chancen und Herausforderungen. Sogar ein Toaster. Chance: Toast, Herausforderung: Krümel.
Gute Texte brauchen eine erkennbare Haltung.
Korrektureule-Tipp: Fragen Sie sich immer, ob sich jemand über Ihren Text ärgern könnte. Das klingt zunächst seltsam, ist aber hilfreich. Ein Text mit Haltung kann Zustimmung oder Widerspruch auslösen. Ein glattgebügelter KI-Text löst dagegen oft nur ein müdes Nicken aus – wenn überhaupt.
6. Die Struktur ist auffällig brav
KI und die Korrektureule haben eines gemeinsam: Wir lieben Ordnung!
Typische KI-Strukturen sehen beispielsweise so aus:
- Einleitung: Warum das Thema wichtig ist
- Definition: Was bedeutet das?
- Vorteile
- Herausforderungen
- Tipps
- Fazit
Diese Struktur ist nicht falsch. Ehrlich gesagt ist sie für viele Ratgebertexte sogar sinnvoll. Problematisch wird es erst, wenn sie zu mechanisch wirkt.
Auffällig ist in der Regel, dass alle Abschnitte ungefähr gleich lang sind. Ein gut geschriebener menschlicher Text wirkt organischer: Er beginnt mit einer Szene, einem Widerspruch oder einem interessanten Satz, der sofort „wach macht“ und im Gedächtnis haften bleibt. Außerdem gibt es Variationen im Satzbau und in der Absatzlänge – dadurch entsteht Bewegung statt Texttapete.
Achten Sie daher auf Gleichförmigkeit!
Verdächtig ist, wenn
- jede Zwischenüberschrift gleich klingt,
- jeder Abschnitt ähnlich aufgebaut ist,
- jeder Absatz ungefähr dieselbe Länge hat,
- jeder Punkt mit einer allgemeinen Erklärung beginnt oder
- das Fazit nur die Einleitung mit anderem Hut ist.
KI-Texte sind oft nicht chaotisch genug. Und ja, das ist ausnahmsweise mal ein Kompliment an die menschliche Unordnung.
7. Der Text wiederholt sich, ohne es zu merken
KI wiederholt sich häufig auf semantischer Ebene. Das heißt, die Sätze sehen zwar unterschiedlich aus, bedeuten aber dasselbe.
Ein Beispiel: „Eine klare Kommunikation ist wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden. Wer transparent kommuniziert, sorgt dafür, dass Informationen verständlich vermittelt werden. Dadurch können alle Beteiligten besser nachvollziehen, welche Ziele verfolgt werden.“ Das ist dreimal derselbe Hund mit anderem Halsband.
Auch menschliche Autorinnen und Autoren wiederholen sich. Beim Überarbeiten merken sie jedoch oft: Moment, das habe ich gerade schon gesagt.
Korrektureule-Tipp: Streichen Sie jeden Satz, der keine neue Information enthält. Wenn nach dem Streichen nur noch drei von zwölf Sätzen übrig bleiben, war der Text wahrscheinlich künstlich aufgebläht.
8. Der Text kennt keine echte Zielgruppe
KI spricht oft eine Zielgruppe an, ohne sie wirklich zu kennen. Dann heißt es: Unternehmen sollten ihre Kunden dort abholen, wo sie stehen. Wo stehen sie denn? Im Regen? An der Kasse? Vor einer Excel-Tabelle? Emotional kurz vor dem Druckerwurf? Gute Texte wissen, für wen sie geschrieben sind. Sie kennen die Fragen, Sorgen, Einwände und Alltagssituationen der Zielgruppe.
Schwach: „Für Selbstständige ist Sichtbarkeit besonders wichtig.“
Besser: „Viele Selbstständige posten drei Wochen lang motiviert auf LinkedIn, verschwinden dann für zwei Monate im Kundenchaos und wundern sich anschließend, warum niemand sie kontaktiert. Oft scheitert Sichtbarkeit einfach an fehlender Routine.“ Zack, plötzlich ist da ein echter Mensch im Raum.
Korrektureule-Tipp: Fragen Sie sich, ob sich eine konkrete Person in diesem Text wiedererkennen würde. Wenn nicht, ist der Text wahrscheinlich zu generisch. Generisch ist übrigens die Lieblingsfarbe vieler KI-Texte, ungefähr beige.
9. Der Text trägt Krawatte, aber keine Belege
KI kann beeindruckend selbstbewusst formulieren. Das ist gefährlich, da die Sprache oft seriöser klingt als der Inhalt. Ein KI-Text könnte beispielsweise so lauten: „Studien zeigen, dass Unternehmen mit regelmäßigen Blogbeiträgen deutlich mehr Kunden gewinnen.“ Welche Studien? Von wem? Aus welchem Jahr? Für welche Branche? Unter welchen Bedingungen?
Gerade bei Fachtexten ist das ein wichtiges Erkennungsmerkmal: KI liefert häufig Behauptungen, aber keine belastbaren Nachweise. Oder sie nennt Quellen, die bei genauerer Betrachtung nicht passen, veraltet sind oder im schlimmsten Fall gar nicht existieren.
Fragen Sie sich deshalb immer:
- Ist die Aussage überprüfbar?
- Gibt es eine Quelle?
- Passt die Quelle wirklich zur Behauptung?
- Wird aus einer kleinen Studie eine riesige Wahrheit gemacht?
- Sind Zahlen ohne Kontext genannt?
- Werden Begriffe verwendet, ohne sie sauber einzuordnen?
Ein guter Text muss nicht hinter jedem Satz eine Fußnote tragen. Sobald jedoch konkrete Fakten, Studien, Prozentzahlen oder rechtliche Aussagen auftauchen, braucht es Substanz.
KI-Texte erkennen – meine kompakte Prüfliste
Wenn Sie einen Text prüfen möchten, sollten Sie sich nicht nur auf Ihr Bauchgefühl verlassen.
Schauen Sie genau hin:
- Haltung: Bezieht der Text Position oder beschreibt er nur von allen Seiten?
- Beispiele: Werden Aussagen konkret oder bleibt alles abstrakt?
- Wiederholungen: Sagen mehrere Sätze dasselbe mit anderen Worten?
- Floskeln: Häufen sich Formulierungen wie „entscheidende Rolle“, „zahlreiche Vorteile“ oder „in der heutigen Zeit“?
- Fakten: Sind die genannten Zahlen, Studien und Behauptungen überprüfbar?
- Markenstimme: Passt der Text zur Person oder klingt er plötzlich wie eine Fördermittelbroschüre?
- Rhythmus: Gibt es Variation, Brüche, Pointen und eine echte Leseransprache?
- Dramaturgie: Führt der Text zu einer Erkenntnis oder reiht er nur Informationen aneinander?
- Déjà-vu-Gefühl: Haben Sie das Gefühl, diesen Absatz schon in 47 anderen Blogartikeln gelesen zu haben?
- Verantwortung: Würden Sie mit einem guten Gefühl Ihren Namen daruntersetzen?
Fazit: KI-Texte erkennt man daran, dass ihnen das Menschliche fehlt. Sie verraten sich selten durch ein einzelnes Wort. Es ist die Summe: Alles wirkt zu glatt, zu allgemein, zu brav, zu wiederholend und zu wenig konkret. Der Text klingt korrekt, aber nicht erlebt. Er erklärt, aber er zeigt nicht. Und genau da beginnt die Arbeit von Lektorat und Textprofis. Ehrlich gesagt ist diese Arbeit nicht sonderlich erquickend. Ich korrigiere viel lieber Texte, die von Herzen kommen, Ecken und Kanten haben und authentisch sind!
Haben Sie Texte auf Ihrer Festplatte oder Website, bei denen Sie sich nicht sicher sind, ob sie „lauwarm“ klingen? Schicken Sie mir gerne Ihre Entwürfe! Ich entferne die KI-Floskeln und hauche Ihren Texten Persönlichkeit ein.
Klopfen Sie einfach am Eulennest an! Die Korrektureule freut sich auf Ihre Nachricht.
Über die Autorin:
Anja Jefremow ist Diplom-Medienwirtin (FH), zertifizierte Lektorin (ADM) und Gründerin der Korrektureule. Seit über 20 Jahren schreibt, redigiert und optimiert sie mit fundierter Erfahrung in den Themenbereichen Marketing, PR und Kommunikation Texte für Unternehmen, Agenturen und Privatpersonen. Mit ihrem präzisen Blick für Details und ihrer kreativen Leidenschaft sorgt sie dafür, dass Texte nicht nur fehlerfrei sind, sondern auch zielsicher ankommen und wirken.
Mehr über Anja unter Die Korrektureule oder per Mail: info@korrektureule.de.
